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19. Mai 2014

Sie gestatten, mein Name ist Anglia - Ford Anglia

Ich erblickte im Frühjahr 1965 das Licht der Welt. Zusammen mit vielen Brüdern und Schwestern in England. Jetzt gehöre ich der Mannheimer.

Unter meinen vielen Geschwistern war ich ein kleiner Exot:  Nicht nur, weil ich das Lenkrad auf der falschen Seite hatte. Mein voller Name lautet 1965 Ford Anglia Estate Car Deluxe, was bedeutet, dass ich ein Kombi in Luxusausführung bin, der für den Export auf das europäische Festland gedacht war. Deshalb bin ich auch ein Linkslenker. Ich war also schon damals etwas ganz Besonderes.


Meine Reise beginnt an einem sonnigen Apriltag 1965 im Fordwerk in Dagenham. Mein frischer Lack in Lombard-Grey und die Sonne strahlen um die Wette. Hättet ihr gewusst, dass in London zwischen dem Motorway A13 und der Themse Autos produziert wurden?

Von dort ging es direkt aufs Schiff nach Frankreich. Ich war gespannt, was mich dort erwarten sollte. Meine Reiseziele waren schon vorher ausgesucht: Frankreich, Italien, die Schweiz und Österreich standen zur Auswahl. In Deutschland wurden allerdings auch Ford produziert, so dass wir dorthin nicht exportiert wurden.

Meine Reise ging also nach Frankreich. Erst einmal nach Paris, nach Villejuif zu Delta Auto. Dort stand ich ganz vorne in der ersten Reihe zum Verkauf. Heute gibt es diesen Auto-Händler nicht mehr. Es wurden viele Bürohäuser gebaut, die es dort vor fast 50 Jahren noch nicht gab.

Die nächste Reise ging nach Süden, zum ersten Mal auf der Straße mit eigenen Nummernschildern. Mein erster Besitzer ist Monsieur Daroux, er kommt aus einem kleinen Bergdorf in den Pyrenäen, genauer gesagt Saint Ignan, dort leben nur ca. 250 Personen. Saint Ignan liegt zwischen Lourdes und Carcasonne im Departement Haut-Garonne. Die nächst größere Stadt ist Toulouse, dort ist M. Daroux aber zuviel Verkehr und wir fahren nur selten hin.

1965 war ich natürlich eines der ersten Autos im ganzen Dorf. Auf dem Lande war die Autodichte in Frankreich damals noch sehr gering. Meist hatten nur die Bürgermeister, der Metzger und der Bäcker ein Auto. M. Daroux ist Weinhändler. So geht die Reise auf die kleinen Weingüter Richtung Bordeaux. Auch in den Pyrenäen wird Wein angebaut.

Während in den Charts, die damals noch Hitparaden hießen,

laufen, komme ich ganz ohne Autoradio aus. Ein Blaupunkt Frankfurt kostete umgerechnet etwa 500 Euro, das war seinerzeit noch ein ganzes Monatsgehalt.

Im Kino laufen James Bond "Goldfinger" und  Winnetou III mit Pierre Brice.

Bis zu seinem Lebensende hält mir M. Daroux auch in hohen Alter die Treue. Erst 2011, also 46 Jahre (!) später, wechsle ich zum ersten Mal den Besitzer und lande nun in Bordeaux. Auch TÜV bekomme ich zum ersten Mal in 2011. Das hat es in den 80er und 90er Jahren, als ich die letzen Male wirklich regelmäßig gefahren wurde, noch gar nicht in Frankreich gegeben.

Für den TÜV Termin bekomme ich auch einen neuen nagelneuen Satz Reifen, obwohl der letzte von 1973 noch gar nicht ganz abgefahren ist!

Eines Tages, im Jahr 2013, kommt ein Deutscher vorbei und sieht mich stehen. Aber das ist eine andere Geschichte...

Übrigens: Mein Bruder hat es sogar bis nach Hollywood geschafft. In mehreren Filmen der Harry Potter-Reihe gelangte er zu Weltruhm - als verzaubertes und fliegendes blaues Familienmobil der Familie Weasley. Aber sicher haben Sie ihn längst erkannt ...

Ihr Ansprechpartner
Ralf Stumpfernagel
BELMOT Team
Tel: 0621.457- 2283
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