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08. Aug 2014

In der Ruhe liegt die Kraft

Bildrechte: Ferdi Kräling

"Historische Fahrzeuge sind meine Leidenschaft." Auto Union Typ D 1938

Christian Geistdörfer nahm sich für unser Gespräch viel Zeit. Als langjähriger Co-Pilot des Rallyfahrers Walter Röhrl navigierte er beide zweimal zum Rallye-Weltmeister und gewann darüber hinaus weitere bedeutende Titel in seiner aktiven Zeit zwischen 1973 und 1990. Seit 2006 setzt er sich für die Entwicklung neuer Rennstrecken und begleitender Infrastrukturinvestitionen ein.

Christian Geistdörfer auf Malta, seinem ständigen Wohnsitz.

Die Geistdörfers, Senior und Junior, mit Walter Röhrl nach zwei Wertungsprüfungen beim Eifel Rallye Festival 2014. Geistdörfer sen. fuhr gemeinsam mit Röhrl den Schotter-Rundkurs, während Geistdörfer jun. am Abend den Asphalt Rundkurs "Sarmersbach" mit Röhrl fuhr. Ein Fahrer - Zwei Generationen.


Zufällig ergab sich ein telefonisches Interview mit Christian Geistdörfer, dem mehrfachen Rallye-Weltmeister als früherer Co-Pilot von Walter Röhrl. Gerade war er auf der Techno Classica in Essen unterwegs, als ich mit ich sprechen konnte. Seine ersten Worte am Telefon? Er fragte mich ganz simpel "Wie geht's?", wie ein langjähriger, guter Bekannter. Ebenso unkompliziert verlief das gesamte Interview, dabei war der laute Hintergrund sicher nicht die einfachste Interviewsituation für Geistdörfer. Doch er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und erzählte ausführlich, wie er die gemeinsame Zeit mit Walter Röhrl als auch die vorangegangene und nachfolgende Zeit erlebt hat und was ihn aktuell beschäftigt. Ein ganz privater Rückblick von Christian Geistdörfer.

Hier ein Auszug, das vollständige Interview finden Sie unter "Downloads".

Bildrechte: Rauchensteiner
Christian Geistdörfer mit Walter Röhrl nach dem Rallye Monte Carlo Weltmeistersieg, 1982.

Über Ihre gemeinsame Zeit mit Walter Röhrl gibt es unzählige Videos, Interviews, Bilder...doch wie sah ihr Leben vor der Rallyekarriere aus? Wie haben Sie die Zeit zwischen Schulabschluss und Rallyestart verbracht?

Ich habe einen ganz normalen Beruf gelernt, d. h. eine Lehre als Bankkaufmann gemacht. Bevor ich achtzehn war und den Führerschein hatte, hatte ich überhaupt nichts mit Automobilsport am Hut. Alles was mich in meiner Freizeit interessiert hat, war, Ski zu fahren und Fußball zu spielen. Automobilsport stand nicht auf meiner Agenda. 1972 habe ich dann mit der Olympia Rallye das erste Mal Kontakt zum Automobilsport bekommen. Ich arbeitete für die Bank, die auf dem Olympia Gelände für den Geldwechsel der Touristen zuständig war. Wir konnten uns auf dem Areal frei bewegen und so kam es, dass ich die Zielankunft der Olympia Rallye „live“ erlebte.

Das war mein erster Kontakt zum Sport. Davor kannte ich nur die Berichterstattung über Motorsport in der ‚Wochenschau', im Kino oder Fernsehen. Im Gedächtnis geblieben sind mir die Unfälle von Graf Berghe von Trips und Jochen Rindt oder grandiose Siege deutscher Rennfahrer und Teams. Da hat sich aber für mich nicht direkt etwas draus ergeben.
Zwei Jahre später sind Freunde von mir zu Orientierungsfahrten gefahren. Da hat man sich am Start getroffen, 20 Mark Startgeld gezahlt, Unterlagen erhalten und konnte losfahren. Das hat mir aber keinen Spaß gemacht. Nach einigen Monaten haben die gesagt: "Jetzt fahren wir richtige Rallyes. Mit Helm, Bestzeit und so." Das hat mir gefallen und ohne Vorkenntnisse ging es dann los. Heutzutage undenkbar. Ich bin am Anfang selber gefahren, das konnte ich aber nicht finanzieren. Daher bin ich bei Club-Kameraden immer öfters „Beigefahren“. Meine weiterführende Ausbildung auf dem zweiten Berufsbildungsweg gab mir die Zeit und Möglichkeit.

1975 haben wir im Rahmen der Deutschen Rallye Meisterschaft am ONS-Pokal für Nachwuchsleute teilgenommen. Hier konnte ich Kontakte knüpfen und meine Arbeitsweise und kleine Innovationen im Aufgabenbereich des Beifahrers fielen wohl auf. Was mir geholfen hat, war die Erfahrung als Fahrer. Damals war alles ein bisschen anders als heute. Rallyes waren Langstrecke, tausende Kilometer, lange Etappen und viele schlaflose Nächte. Marathon, nicht Sprint, war die Philosophie. Die Grenzen von Mensch und Material wurden erkundet. Ich hatte mehr Spaß an den Sonderprüfungen, die auf abgesperrter Strecke stattfanden und auf Bestzeit gefahren wurden. Ich wollte immer auf Bestzeit fahren, denn der perfekte Aufschrieb (oder auch "Gebetbuch") war mein Ziel.

Bildrechte: Ferdi Kräling
"Historische Fahrzeuge sind meine Leidenschaft." Auto Union Typ D 1938

Das „Gebetbuch“, in dem jedes Detail der Strecke aufgeschlüsselt wird, das die Fahranweisungen in ein kompliziertes System übersetzt, vergleichbar mit Stenographie. Ein perfekter Aufschrieb erlaubt einem eingespieltem Team auch bei widrigsten Verhältnissen, die Strecke richtig schnell zu bewältigen. Das System teilt Kurven in Radien und jede Bewegung am Lenkrad wird in ein Kommando übersetzt. Die Meter zwischen den Kurven, optische Merkmale und Zeichen für besondere Gefahrenpunkte ergänzen den Aufschrieb. Geschrieben wurde von mir von links nach rechts, wie in einem Lesebuch. Ein Beispiel:


80 Rv sofort Lv 180 Kuppe voll 150 Achtung LEingang 30 MR+ sofort ML 80

So setzt sich das über viele Kilometer fort. Der perfekte Vortrag ist von der gefahrenen Geschwindigkeit und dem Gefühl für den richtigen Zeitpunkt der Ansage geprägt. Der Fahrer muss die Kommandos verstehen und rechtzeitig umsetzten können. Die Basis
für erfolgreichen Rallye Sport. Hinzu kommen für den Beifahrer vielfältige Aufgaben in der Organisation des Teams und während der Rallye das „Zeit Management“.


 Vielen Dank für Ihre Offenheit und Zeit, Herr Geistdörfer!

Das vollständige Interview können Sie rechts unter "Downloads" lesen und herunterladen.
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