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12. Juni 2015

Erzählen ist sein Ding: Johannes Hübner

Viele werden seine Stimme kennen: Johannes Hübner ist nebenberuflich Streckensprecher und hat bereits das ein oder andere kleine Event gerettet. Das Besondere an ihm: Seine Automobilbegeisterung erlaubt ihm, auch spontan Geschichten erzählen zu können, die den Menschen gefallen.

Bildrechte: Johannes Hübner
Im Gespräch mit Oldtimer Experte, Moderator und Streckensprecher Johannes Hübner

Oldtimer ziehen die Menschen in ihren Bann ob jung oder alt, wenn die historischen Schönheiten auf der Straße bewegt werden, ziehen sie die Blicke auf sich. Herr Hübner, bereits seit Kindertagen sind Sie automobilbegeistert. In Deutschland und der ganzen Welt unterwegs als ausgewiesener Oldtimer-Experte, Moderator und Streckensprecher. Was macht für Sie ganz persönlich die Faszination Oldtimer aus, worin liegt für Sie der Reiz an historischen Automobilen?


Mit keinem anderen Objekt kann man sich so direkt in vergangene Zeiten, bestimmte persönliche Lebensabschnitte und sogar eigene Erlebniswelten „beamen“. Wer je einen VW Käfer fuhr, weiß, wie der riecht, man kennt das Singen der Mercedes-Servolenkung, das Klappen des Seitenfensters im 2 CV, den wimmernden Anlasser des FIAT 500, das knackende Einrasten der Lüftungsklappe alter Opel, den Phenolgeruch im Trabbi oder das Sounderlebnis Porsche 911 - jeder hat da sein eigenes Faible. Wir lassen uns zurückversetzen in unseren ersten R 4 oder den Urlaub mit dem umgebauten T-2-Bus. Und die Menschen an den Straßen sagen „weißt Du noch...“ und schon erzählen sie sich ihre eigenen Geschichten - das ist der Reiz klassischer Fahrzeuge.


Bei den vielen Oldtimern, die Sie bei den Veranstaltungen sehen, oder dem Publikum, bei den historischen Rennveranstaltungen präsentieren, gibt es Lieblinge? Oder sogar einen Traumwagen bzw. Traumoldtimer ?


Erstaunlicherweise haben sich meine Favoriten nie geändert: VW Ovalkäfer, Mercedes 220 SEC Coupe, Citroen DS 19, Lamborghini Espada und Miura als Design-Ikonen und der Jaguar E-Type, auch der XJ 6 erste Serie und der spätere XJ 40 - das wären Autos, auf die ich sparen würde.

Beim AVD-Oldtimer-Grand-Prix, dem GP Historique, der Silvretta Klassik, der Sachsen-Klassik und bei noch vielen weiteren Oldtimerevents kommentieren Sie das Geschehen. Wie viele Veranstaltungen moderieren Sie eigentlich im Jahr? Wie kam es dazu und wie wird man eigentlich Streckensprecher?

Streckensprecher ist kein Karriereziel - bei allen, die ich kenne, und die was taugen, ist es einfach geschehen. Fast jeder hat, wie auch ich, seinen Alltagsberuf und betreibt das Kommentieren nebenbei, denn davon könnte man nicht leben - die Veranstalter planen die Sprecher meist als Letztes ein, obwohl sie entscheidend für das Gelingen sein können. Ich habe schon kleine Events mit 25 Autos „gerettet“, weil dazu Geschichten erzählt werden konnten, die den Menschen gefallen. Bei Großevents fällt unsere Tätigkeit kaum auf, weil es so viele Attraktionen gibt. Aber beim Oldtimer-GP am Nürburgring, da kommt es darauf an, nicht nur zu sagen 2 ist hinter 4 und jetzt überholt gleich die 7 die 3 - da geht es um das, was bestimmte Autos mit bestimmten Fahrern miteinander in bekannten Rennen gestaltet haben, nicht darum, wieviel Nockenwellen der Motor hat. Mein erster Einsatz war 1980 vor dem Autokino Hannover, wo ein „Team Nostalgia“ zu einem Oldtimertreffen geladen hatte und in der Redaktion der frisch gegründeten „Oldtimer-Markt“ fragte, ob man keinen Sprecher kennen würde. Otto Walenta und Bernd Bonello lachten, deuteten auf mich und sagten „Du kannst das“, und schon hatte ich tagelang zu tun, Listen vorzubereiten. So viel Lampenfieber hatte ich noch nie. Als ich in Hannover fertig war, kamen zwei Herren vom Braunschweiger Auto Touren-Club und fragten, ob ich nicht deren Treffen am 1. Mai in Riddagshausen kommentieren wolle - ich sagte zu, obwohl ich nicht ahnen konnte, dass auch LKW und Motorräder in große Zahl kommen würden. Ich musste mich also noch umfassender vorbereiten und das merkte der Düsseldorfer Automobilclub DAMC 05 und ließ mich schon ab 1982 den sog. „Jan-Wellem-Pokal“ am Nürburgring kommentieren. Ab 1985 kam der AvD Oldtimer-Grand-Prix hinzu und später hat man mich sogar als deutschen Sprecher für den Grand Prix Historique in Monaco verpflichtet. Es sind etwa 20 Wochenenden im Jahr, die ich auf Veranstaltungen bin und ich achte darauf, dass es schöne Ereignisse sind, die Teilnehmern und Publikum Freude machen.

Während andere Sprecher, Spickzettel oder gar ganze Ordner mit sich führen, um den interessierten Zuschauern die Oldtimer und ihre Fahrer zu präsentieren, reicht Ihnen einfach nur ein Mikro. Neben Standardfakten wie Hersteller, Modell und Baujahr, wissen Sie oft noch interessante Hintergrundgeschichten. Wie machen Sie das, haben Sie einen speziellen Trick oder Erinnerungshilfen? Und wie viel Vorbereitungszeit benötigen Sie für diese tollen und umfassenden Präsentationen der Starterfelder?

Mein früherer Englischlehrer sagte „was man mag, kann man auch behalten.“ Es stimmt wirklich, denn warum sonst sollte ich wissen, dass ein Opel Senator 177 PS hat und vom BMW 507 nur 251 Stück gebaut wurden, von denen 249 überlebt haben. Meine zweite Hilfe ist das optische Gedächtnis: was ich einmal gesehen habe, kann ich zuordnen, keine Ahnung, wieso. Das scheint aber so viele Kapazitäten zu binden, dass ich mir die Namen von Menschen nicht merken kann, oder sie falsch zuordne. Inzwischen weiß ich, dass das erblich ist, also keine Frage von Desinteresse oder nachlassendem Gedächtnis. Nach meinen ersten Erfahrungen als Kommentator bin ich noch 10 Jahre lang mit einer stetig wachsenden Zahl von selbst geschriebenen Karteikärtchen für Oldtimer angetreten, die ich heute als kleinen Erinnerungsschatz verwahre und immer noch pflege.
Aber: Vorbereitung ist noch immer das A und O qualifizierter Reportage, denn man muss sich sicher fühlen, wenn man zwischen Buch, Rundenzeiten, Blick in die Boxengasse, Streckenmonitoren und Funk im Kopfhörer auch noch zusammenhängende Sätze formulieren will. Jochen Luck, die einmalige Stimme des Nürburgrings, und der großartige Rainer Braun sind meine Vorbilder: sie machen keine Schachtelsätze, lassen keine Endungen offen und formulieren mit Empathie kurze, klare Botschaften. Zu meinen Vorbereitungen gehört auch, dass ich die Farbe der Autos auf den Rennlisten notiere, weil ich dann auf dem Monitor sehen kann, wenn der Zweitplazierte Blaue den vorn liegenden gelben Punkt überholt und die Zuschauer lieben es, wenn sie Dinge erfahren, bevor die Fahrzeuge bei ihnen vorbeigeschossen sind.

Ein weiteres Feld, in dem Sie aktiv sind, ist der Concours d‘ Elegance. Für Sie als Veranstalter der Internationalen Concours d‘ Elegance Classic-Gala Schwetzingen – was ist der Reiz an einem Concours d‘ Elegance im Gegensatz zu einer Oldtimerrallye?

Als wir 2001 den ersten Concours d’Elegance in Schwetzingen durchführten, musste ich den Briten Bob Gathercole überzeugen, dass man in Deutschland keinen Wettstreit mit Q-Tipps feinstgepflegter Stehzeuge sehen will, sondern Authentizität und Originaltreue entscheidend sind. Wir haben deshalb schon damals als erster Concours d’Elegance der Welt die Klasse H der unrestaurierten Originalfahrzeuge eingeführt. Gleich beim ersten Mal passierte ein Desaster: der Besitzer eines völlig unrestaurierten Lancia von 1909 mit Erstlack machte eine kleine Proberunde rund um Schwetzingen und wurde am Heck von einem schnöden Alt-Kadett gerammt! Schlagartig war das kein unfallfreies Originalfahrzeug mehr - aber der Besitzer hat über Nacht alles vorsichtig so rausgezogen und gerichtet, dass der Wagen im Concours gezeigt wurde und sogar einen Klassensieg holte. Der Concours heißt seit 2008 AvD-Classic-Gala Schwetzingen um deutlich zu machen, dass es um ein hoch stehendes gesellschaftliches Ereignis geht, anlässlich dessen ausgewählte Referenzfahrzeuge des jeweiligen Modells im einzigartigen kreisrunden Achsengarten von Schwetzingen im Verbund mit passender Musik, erlesener Kunst, zeitgenössischere Mode und natürlich auch Köstlichkeiten präsentiert werden. Viele, die bislang sagten, sie wollten lieber fahren, sind heute unsere Teilnehmer in Schwetzingen, weil sie mit ihren Familien ein unvergleichliches Wochenende genießen wollen und wissen, dass eine absolute Expertenjury ein wertvolles Urteil fällen wird.

Noch eine Frage zum Schluss: Welchen Tipp oder Rat kann der Oldtimer-Fachmann Hübner zukünftigen Oldtimerbesitzer geben? Oder vielleicht jemanden, der mit dem Gedanken spielt sich einen jungen Klassiker zuzulegen, worauf sollte man achten?

Ich beschäftige mich intensiv mit modernem Fahrzeugbau. Daraus ergibt sich eine wichtige Botschaft: wenn ein modernes Fahrzeug die nächsten 30 Jahre überstehen soll, muss es vom ersten Tag an vor allem in den Hohlräumen konserviert sein. Aktuelle Autos sind seit 20 Jahren aus dem Verbund von Stählen, Aluminium und anderen Metallen gefertigt, die miteinander auf Luftfeuchtigkeit reagieren. Diese Korrosion kommt auch von innen. Und ohne Original-Ersatzteile wird man nicht sachgerecht reparieren können. Das gilt auch für die unzähligen Spezial-Form- und Kunststoffteile, ohne die man nicht reparieren kann und von denen man sich Teile wie Armaturenbretter oder Türverkleidungen in Reserve legen sollte. Ein modernes Auto reparieren ist, wie bei einem doppelten Cheeseburger eine Scheibe Gurke auszutauschen. Ich befürchte, dass es deshalb in Zukunft eher weniger authentische Klassiker aus den Jahren ab 1990 geben wird. Wer sich einen Klassiker der Zukunft zulegen will, muss deshalb vor allem auf sehr guten Zustand achten, denn Mechanik kann man reparieren.





Ihr Ansprechpartner
Isabelle Haupt
BELMOT Team
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