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13. September 2017

Krieg der Knöpfe

Bilder: Martin Henze

Oldtimer sind nicht so normiert und uniformiert wie die heutigen Allerweltskisten. Das bedeutet allerdings auch, dass es mit der Bedienungsergonomie manchmal nicht ganz so weit her ist. In dieser Fahrstunde geht es um die Tücken von verstreut liegenden Schaltern und Knöpfen.

Martin Henze ist Autor des Ratgebers "Oldtimer-Fahrschule: Alte Autos lieben und verstehen". Seit mehreren Jahrzehnten ist er mit ganzem Herzen dabei, wenn es um Oldtimer geht. Schrauben, fahren, genießen - genau sein Ding. Sein umfangreiches Wissen gibt er gerne weiter. 
Hier ein kleiner Vorgeschmack auf das Buch, das speziell für junge und junggebliebene Oldtimer-Neulinge geschrieben wurde.


12. Fahrstunde: Bedienelemente


Mann, war mir das peinlich! Neulich stehe ich mit dem Testwagen für eine Klassiker-Kaufberatung, einem schicken Porsche 968 CS, an der Foto-Location, mache erst einige Bilder von draußen und möchte irgendwann auch den Kofferraum ablichten. Also auf mit dem großen Glasdeckel am Heck, aber geschwind! Doch nix da. Eine Minute, eine zweite, auch eine dritte, vierte und fünfte Minute intensiver Suche verstreichen, ohne dass ich einen Öffner gefunden hätte. Ich gebe auf – dann muss es eben ohne Kofferraumbilder gehen. Bei der Rückgabe des Referenzfahrzeugs werde ich aufgeklärt: Der Kofferraum des Leichtbau-Porsche 968 CS wird nicht wie beim normalen 968er über einen (ebenfalls ziemlich versteckt liegenden) Drucktaster elektrisch entriegelt, sondern manuell, mit einem kleinen Zughebel hinten links über dem Radkasten. Das muss man schon mal gesagt bekommen – auch bei einem Auto der 90er-Jahre.

Bei modernen Autos ist in dieser Beziehung vieles leichter: Das Licht wird üblicherweise mit einem Drehknopf links vom Lenkrad eingeschaltet. Den Scheibenwischer aktiviert man in der Regel mit einem Hebel rechts vom Lenkrad, und die Gänge werden heutzutage – sofern noch von Hand – durchweg mit einem Mittelschalthebel eingelegt. Bis auf die uneinheitliche Anordnung des Rückwärtsgangs geben einem aktuelle Autos nicht zuletzt dank eindeutiger Symbole an Schaltern und Hebeln bei den Basisfunktionen keine Rätsel mehr auf; Sie können sich heute praktisch in jeden Neuwagen setzen und ohne Einweisung sofort damit losfahren. Von den telefonbuchdicken Handbüchern, die einem die elektronischen Assistenzsysteme oder die Multimediaausstattung mit Bluetooth-Einbindung des iPhones erklären, wollen wir an dieser Stelle allerdings besser nicht erst anfangen. Einfaches Fahren funktioniert sofort, aber steigt man ins Detail der Bedienung ein, kann durchaus eine Woche vergehen, bis man alle Spielereien kennt und beherrscht. Diese Probleme gibt es bei Oldtimern nicht. Dafür ist an deren Armaturenbrettern oft ein wildes Sammelsurium von Schaltern und Knöpfen ohne jegliche Beschriftung verstreut. Der Mensch ist allerdings ein Gewohnheitstier, weshalb er sich nach ein paar Tagen trotzdem schlafwandlerisch zurechtfindet, wie unlogisch die Bedienelemente auch immer platziert worden sein mochten. Da landet die Hand dann bei Regen auch zielsicher an der Mittelkonsole vorm Handbremshebel, wenn man bei seiner Alfa Giulia den Scheibenwischer aktivieren will. Und den Drehrücksteller für den Tageskilometerzähler hat man auch irgendwann in den Tiefen unter dem Armaturenbrett entdeckt. Oder man schafft es tatsächlich, mit seinem frühen BMW der 02-Baureihe zu blinken, weil man sich daran gewöhnt hat, dass der Hebel entgegen den auch damals schon üblichen Gepflogenheiten rechts und nicht links vom Lenkrad sitzt. Das war beim Renault R4 bis 1981 übrigens auch so, womit wir ein sehr lästerliches Kapitel dieser Oldtimerfahrstunde aufschlagen, denn es gab – speziell im französischen Sprachraum – Fahrzeughersteller, die es als geradezu verpflichtend für ihre Markenehre empfanden, alles diametral anders zu machen als der Rest der Welt. Renault konnte hier auch außer dem Blinkerhebel so einiges vorweisen. Eher harmlos war beispielsweise die Krückstockschaltung, aber in Wahrheit hatten die Entwickler der Marke mit der Raute im Logo ihren Meister ohnehin in Citroën gefunden. Anfangs, vor allem bei der Citroën DS, standen oft noch technische Raffinessen hinter den Skurrilitäten. Später konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, dass dieses „Anderssein um jeden Preis“ zum Selbstzweck verkommen war, zum Beispiel beim schlecht ablesbaren Lupentacho im DS-Nachfolger CX. Der Höhepunkt der Abnormitäten war mit der Einführung des „Bedienungssatelliten“ erreicht, der unter anderem in den Modellen Visa und GS zum Einsatz kam. Dabei handelte es sich um einen mit diversen Schaltern überfrachteten Zylinder vom Format einer Cola-Dose, dessen Bedienung sich ähnlich komplex gestaltete wie das Spiel mit dem berühmten „Zauberwürfel“ des Herrn Rubik. Eine bei fast allen anderen Fahrzeugen übliche Blinkerrückstellung gab es beim Satelliten übrigens auch nicht. Aber wer „schräg“ sein wollte, musste eben leiden.

Doch auch die liebenswürdig schrulligen Briten konnten anders. Das begann genau genommen schon damit, dass sie traditionell auf der „falschen“ Seite fahren. Und dann noch die Sache mit den Maßeinheiten: Meilen statt Kilometer zum Beispiel. Oder Schraubenschlüssel. Wo der Kontinentaleuropäer sagt: „Wirf mir doch eben mal den 13er rüber“, muss der Brite erst einmal Bruchrechnungen anstellen. Im Gegensatz zu den Franzosen waren die Briten allerdings sehr konservativ – der Begriff „Innovation“ wurde jedenfalls nie so inflationär verschlissen wie in Kontinentaleuropa. Immerhin pflegten die Insulaner ihre technische Historie gründlich, was so falsch auch wieder nicht gewesen sein kann, wie die zahlreichen Motorsporterfolge britischer Rennwagen bewiesen.

Perfekt waren allerdings auch die deutschen Autos nicht, wenn es um die Bedienung ging: Nicht nur die erwähnte Sache mit dem Blinkerhebel bei BMW konnte einen ins Grübeln bringen. Selbst das „Urmeter“ der deutschen Automarkenwelt und Inbegriff schwäbischen Qualitätsfahrzeugbaus – Mercedes – konfrontierte Ponton-Eigner mit einer überschaubaren Galerie zwar hübsch chromblinkender Knöpfchen am Armaturenbrett, die jedoch nichts über ihre Funktion verrieten. Gewöhnen musste man sich auch an die Blinkerbetätigung durch Verdrehen des Hupenrings. Bei späteren Mercedes-Modellen kam dann die fußbetätigte Feststellbremse hinzu, die ebenfalls für einige Menschen bis heute unbeliebt blieb. Der Umgang mit Lenkrad- beziehungsweise Revolverschaltungen ist dagegen schnell erlernt. Ebenfalls gut gewöhnen kann man sich an das traditionell links befindliche Zündschloss bei Porsche, das seinen Ursprung in der Le-Mans-Startprozedur hat.

Im Zuge des Zusammenwachsens der europäischen Nationen nahmen auch die schrulligen Eigenheiten bei den Fahrzeugen ab. Ein aktueller Renault Clio fährt sich heute fast so (langweilig und durchschaubar) wie ein VW Polo oder ein Fiat Punto. Vielleicht ist das aber auch gut so. Schließlich haben wir für den Spaß unsere Oldies.

 

Das BELMOT-Interview mit Martin Henze finden Sie hier.
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